{"id":204,"date":"2017-07-01T07:35:12","date_gmt":"2017-07-01T07:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/gedruckteworte.de\/?page_id=204"},"modified":"2017-07-03T04:48:26","modified_gmt":"2017-07-03T04:48:26","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/gedruckteworte.de\/?page_id=204","title":{"rendered":"Leseprobe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Sammlung<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine Kriminalnovelle<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im fremden Land<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Tage verlaufen einer wie der andere. Morgens diese elende K\u00e4lte, die hier so trocken ist, dass die Haut bei der ersten Ber\u00fchrung mit dem Wasser knistert. Wenn Sven zur Fr\u00fchschicht muss, dann kommt nichts aus dem Hahn. Der Tank im Container oder die Leitungen, irgendetwas ist wieder eingefroren. Die Techniker bekommen das einfach nicht in den Griff. Sven verzichtet auf das Waschen. Er reibt sich das Gesicht mit einem Schluck aus der Flasche ab. Das Wasser ist eiskalt.<\/p>\n<p>Der Weg von der Unterkunft zur Auswertestelle ist nur kurz. So fr\u00fch \u2013 die Sonne ist als heller Streifen im Dunst \u00fcber den Bergen zu erahnen \u2013 ist das auch noch ungef\u00e4hrlich. Sven beeilt sich nicht sonderlich. Er mag dieses Bild: Der Dunst f\u00e4rbt sich immer schneller, erst schmutzig-gelb, dann ins Orange \u00fcbergehend und pl\u00f6tzlich steht die glutrote Scheibe unscharf \u00fcber den Bergen.<\/p>\n<p>In der Nacht ist etwas Schnee gefallen. Eigentlich nur Kr\u00fcmel. Der graubraune Staub ist noch grauer geworden. Richtigen Schnee gibt es hier wohl nie. Sven zieht die kalte Luft tief in die Lungen. Dann, nach einem kurzen Z\u00f6gern, \u00f6ffnet er seufzend die T\u00fcr zum Container der Auswertestelle. Er klopft dem Diensthabenden, der vor seinem Pult eingeschlafen ist, auf die Schulter.<\/p>\n<p>Stunden in der engen Bude erwarten ihn. Der Bildschirm flimmert manchmal. Der Strom ist nicht stabil. Im Container muffelt es nach Schwei\u00df und anderen Ausd\u00fcnstungen. Die T\u00fcr macht keiner auf. Es sind die K\u00e4lte, die Dienstanweisung und auch die Angst, von einem Splitter einer Rakete getroffen zu werden.<\/p>\n<p>Wenn Sven im Camp unterwegs ist, horcht er gelegentlich, bevor er die Deckung verl\u00e4sst, in die Weite rund um das Lager hinaus, ob er den dumpfen Ton eines Abschusses h\u00f6ren kann. Dann w\u00fcrde er in die Deckung zur\u00fccklaufen. Zweimal schon hat er den Einschlag erlebt. Einmal schlug die Granate in das Lebensmittelager ein. Die W\u00e4nde der Container rund um die Einschlagstelle wurden von den Splittern durchl\u00f6chert. Das andere Mal schlug die Granate auf dem weiten Platz mitten im Camp ein. Einem d\u00e4nischen Uffz musste das Bein amputiert werden. Er hatte die Warnungen ignoriert. Sven sah den Mann liegen. Eigenartigerweise war er von dem Anblick nicht ber\u00fchrt. Aber er geht seitdem immer, wenn die Lage unklar ist, in eine der Deckungen.<\/p>\n<p>Bei den Patrouillen bleibt er, soweit es geht, im Fahrzeug. Einmal nur wurden sie bisher beschossen. Nachdem sie am Dorfrand angehalten hatten, sprach der Truppenf\u00fchrer mit den Menschen. Einige Kameraden sicherten. Die Granate zischte vor dem Fahrzeug vorbei und schlug in die gegen\u00fcberliegende Hauswand ein. Beim Aufschlag detonierte sie und riss ein riesiges Loch. Die Lehmwand bot nicht viel Widerstand. Der gr\u00f6\u00dfere Teil der Wirkung ging in das Haus. Nur ein Kamerad wurde leicht verletzt. Er hatte einen Holzsplitter im Bein. Durch das Loch in der Hauswand war der Blick ins Innere m\u00f6glich. Dort lagen die blutigen K\u00f6rper von zwei Frauen und ein Kind sa\u00df stumm in der Ecke. Sven nahm mechanisch die Waffe in den Anschlag und zielte auf das freie Feld vor ihnen. In einiger Entfernung sprangen einige M\u00e4nner durch das Feld. Sven und seine Kameraden nahmen die Verfolgung nicht auf. Sie blieben auf der Stra\u00dfe. Die Sanis stiegen durch die gro\u00dfe \u00d6ffnung in das Haus und einer kam mit dem Kind im Arm zur\u00fcck. Bei den Frauen war nichts mehr zu machen. Die Menschen standen stumm auf der Stra\u00dfe. Ein alter Mann kam und riss dem Sani das Kind aus den H\u00e4nden. Dann wandten sich alle Einheimischen ab und verschwanden in den Gassen zwischen den H\u00e4usern. Au\u00dfer ihren eigenen Kommandos h\u00f6rten die Soldaten kein Wort.<\/p>\n<p>Sven bewegt sich seitdem noch weniger aus dem Fahrzeug hinaus. Der Anblick der fremden Menschen, wenn sie durch die Stra\u00dfen fahren, ber\u00fchrt ihn nicht. Kinder, vermummte Frauen, H\u00e4ndler, Bettler. Es ist eine fremde Welt. Eine Welt, in der Sven nicht zu Hause ist, die ihn abst\u00f6\u00dft wegen des Schmutzes, die er nicht versteht, die er auch nicht verstehen will. Sie bringen sich gegenseitig um. Die Leute gehen ihn nichts an. Und jeden Augenblick k\u00f6nnen sie eine Kalaschnikow unter ihrer weiten Kleidung hervorholen und auf ihn schie\u00dfen, obwohl er ihnen nichts getan hat und ihnen auch nichts tun will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Durchsage holt ihn zur\u00fcck in die Gegenwart: Eine Drohne ist gestartet worden. Die Bilder werden auf den Monitor \u00fcbertragen. Es ist ein Testflug. Der Operator lenkt die Drohne von irgendwo mit der Hand. Bei Sven l\u00e4uft nur die Aufzeichnung mit. Er hat damit nichts zu tun. Er starrt trotzdem auf den Schirm. Immer wieder das Gleiche: weite Fl\u00e4chen ohne jeden Bewuchs. Felsen, dann ein kleines Feld, eine Siedlung. Die hellen Fl\u00e4chen der Hausd\u00e4cher mit ihren dunklen Innenh\u00f6fen. Kaum Menschen auf den Stra\u00dfen um diese Zeit. Sie werfen lange Schatten, wenn sie nicht selbst im Schatten der Gasse sind. Alles ist grau und braun. Die Menschen sind sowieso nur an den langen Schatten erkennbar. Die Drohne fliegt entlang einer Stra\u00dfe. Es ist kaum Verkehr. Ein Truck. Die Auspuffgase verdecken die Sicht auf die Stra\u00dfe. Eine kleine Truppe aus Eseln und Menschen, die zu Fu\u00df unterwegs sind. Auf einem der Esel liegt quer ein schmaler Gegenstand. Sven glaubt fast, ein MG erkannt zu haben. Sicher ein Irrtum. Die Drohne ist l\u00e4ngst dar\u00fcber hinweg. Dann eine Siedlung, fast wie die Reihenhaussiedlung zu Hause. Gro\u00dfe G\u00e4rten hinter dem Haus. Dann Gr\u00fcn, bew\u00e4sserte Felder. Die Kan\u00e4le schneiden die Fl\u00e4che in gleichm\u00e4\u00dfige Rechtecke. Und dann ist die Drohne wieder \u00fcber graubraunem Land. Sand, Felsen und Staub.<\/p>\n<p>Sven beschlie\u00dft, seine Unterw\u00e4sche nachmittags notfalls im kalten Wasser zu waschen. Es kommt einfach nichts ran. Sie kriegen das nicht in den Griff. Seit einer Woche drehen die Transporter ab und landen irgendwo in Usbekistan. Einzig eine gecharterte Antonow ist in dieser Woche wirklich hier gelandet. Die Pakete kommen nicht an und W\u00e4sche wird nicht transportiert.<\/p>\n<p>Sven bekommt einen Anruf vom Camp-Operator. Er soll sich nach seiner Schicht beim Kommandeur melden. Das ist nicht ungew\u00f6hnlich. Sicher eine Aufgabenstellung f\u00fcr eine Sonderaufkl\u00e4rung. Die Amis wollen mal wieder aufr\u00e4umen und dazu brauchen sie Bilder von der Lage. Sven hat schon einige Male f\u00fcr seinen Hauptmann einspringen m\u00fcssen. Und er hat auch schon anerkennende Worte vom Commander geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz vor dem Ende seiner Schicht kommen die Filme von den Tornados rein. Es ist wie immer dringend. Sein Hauptmann, der ihn hat abl\u00f6sen sollen, ist nicht zur Schicht erschienen. Er wird wegen einer Magenverstimmung von den Sanis bemuttert. Wochenlang schon hat der Mann damit zu tun. Sven versteht ihn nicht. Der Hauptmann ist schon \u00fcber f\u00fcnfzig. Der k\u00f6nnte sich in die Heimat versetzen lassen. Die Behandlung w\u00e4re besser und wahrscheinlich reagiert der Magen auch nur auf das, was er hier nicht verkraftet. Aber bei der Bildauswertung hat Sven viel von ihm gelernt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven hat nichts dagegen, noch eine Schicht dranzuh\u00e4ngen. In der Unterkunftsbaracke erwartet ihn nichts. Das Buch, das er sich aus der Bibliothek geholt hat, interessiert ihn nicht besonders. Es gibt keine ruhige Ecke, in der er am Tage vor sich hin d\u00f6sen k\u00f6nnte. Nur mit den Kopfh\u00f6rern und der Musik aus dem Walkman lassen sich solche Stunden ertragen. Aber die Batterien gehen zur Neige und der Nachschub kommt nicht ran.<\/p>\n<p>Hier hat er eine Aufgabe, kann sich konzentrieren und die verdammte Zeit geht vorbei. Er braucht nicht an Zuhause zu denken, nicht an die Zeit danach, nicht mal an die Welt da drau\u00dfen au\u00dferhalb des Camps.<\/p>\n<p>Er wartet auf die entwickelten Filme. Es wird eine halbe Stunde dauern. Er geht hin\u00fcber zur Kantine. Wenigstens das Essen stimmt. Als er zur\u00fcck ist, sind die Filme schon trocken auf seinem Tisch. Der diensthabende Offizier treibt ihn an. Die Amis warten auf die Auswertung.<\/p>\n<p>Sven schiebt den Film in den Betrachter. Er schaut sich jetzt konzentriert Bild f\u00fcr Bild an. Die Tornados sind die Stra\u00dfe entlanggeflogen. Einige Autos, kurze Kolonnen von Trucks, Tankwagen, Pritschen mit riesigen Ballen, geschlossene Laster, bei denen nicht zu erkennen ist, was sie transportieren. Und viele Menschen, die zu Fu\u00df unterwegs sind. Einige Stellen vergr\u00f6\u00dfert er. Kann aber nicht wirklich etwas Interessantes finden. Auf keinem der Bilder ist irgendetwas Verd\u00e4chtiges. Keine Waffen, keine Feuernester. Nicht einmal Milit\u00e4rfahrzeuge der eigenen Truppe. Nichts au\u00dfer Stra\u00dfe, Sand, Felsen, Menschen, die irgendwelchen T\u00e4tigkeiten nachgehen. Sven zeichnet die Bilder in die Karte ein. Er schreibt seine Meldung und dann ist er fertig. Sp\u00e4ter wird er die Bilder noch einmal ansehen. Er wird auch dann nichts entdecken, aber so vergeht die Schicht schneller.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Commander residiert in dem einzigen festen Haus auf dem Camp. Er teilt sich die Unterkunft mit den Kommandeuren der anderen Einheiten, aber er hat ein Vorzimmer und er hat eine Schreibstube. Im Innenhof steht ein wasserloser Brunnen. Ganz am Anfang hat er noch Wasser gef\u00fchrt, aber dann ist entweder die Leitung zerschossen oder der Zufluss anderweitig unterbrochen worden. Niemand hatte es je untersucht.<\/p>\n<p>Der Hauptfeldwebel im Vorzimmer winkt ihn gleich durch. Der Commander sitzt hinter seinem Schreibtisch und sieht sich Fotos an. Er legt sie sofort beiseite, als er Sven erkennt.<\/p>\n<p>\u201eSetzen Sie sich.\u201c<\/p>\n<p>Der Kommandeur ist sonst nicht so. Gew\u00f6hnlich steht Sven eine ganze Weile im Zimmer, bis der Oberst ihn geruht zu bemerken. Immer griesgr\u00e4mig. Das faltige, wie von Sonne gebr\u00e4unte Gesicht unterst\u00fctzt den Eindruck. Kein Soldat hat ihn bisher lachen sehen. Er hat die F\u00fcnfzig \u00fcberschritten. Warum der hier noch rumkriecht, fragt sich Sven. Aber der hat wenigstens fr\u00fch eine Sch\u00fcssel warmes Wasser.<\/p>\n<p>\u201eIhr Vater ist verstorben.\u201c Der Oberst steht auf und reicht ihm \u00fcber den Schreibtisch die Hand.<\/p>\n<p>Sven bleibt sitzen.<\/p>\n<p>\u201eMein Beileid\u201c, sagt der Kommandeur kurz und setzt sich wieder. \u201eSie bekommen nat\u00fcrlich Heimaturlaub. Am Abend um 800 geht eine Kolonne zum Flugplatz.\u201c<\/p>\n<p>Der Kommandeur winkt dem Hauptfeldwebel ab, der in das Zimmer gekommen ist. Sven sitzt starr auf seinem Stuhl. Er blickt ungl\u00e4ubig auf den Kommandeur. Er r\u00fchrt sich auch nicht, als der Oberst aufsteht und um den Schreibtisch herum zu ihm kommt und seine Hand auf Svens Schulter legt. \u201eIhre Papiere werden fertiggemacht. Darum brauchen Sie sich nicht zu k\u00fcmmern.\u201c<\/p>\n<p>Im hinteren Teil des Zimmers rattert das Faxger\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201eWissen Sie &#8230;\u201c Der Kommandeur h\u00e4tte fast gesagt, wie viel leichter es so herum sei. Viel schwerer ist es, die Briefe zu schreiben an die Angeh\u00f6rigen: \u201eLeider m\u00fcssen wir Ihnen mitteilen &#8230;\u201c Aber es sind seine Gedanken und er nimmt die Hand von Svens Schulter.<\/p>\n<p>Das Faxger\u00e4t piept. Das Papier ist alle.<\/p>\n<p>Sven erwacht aus seiner Starre. Er steht auf.<\/p>\n<p>\u201eMelden Sie sich beim Truppenbetreuer.\u201c Der Oberst reicht ihm noch einmal die Hand. Er wei\u00df nichts mehr zu sagen.<\/p>\n<p>Sven verl\u00e4sst den Raum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven sucht sein Handy. Er findet es mit leerem Akku im Schrank. Seit Tagen hat er niemanden mehr angerufen. Zu den ehemaligen Kumpels hat er kaum noch Kontakt. Und der Anruf bei der Mutter ist immer sonntags. Er muss die Akkus laden. Aber dann ist kein Empfang. Die Antenne in die Heimat macht mal wieder Pause. Sven sitzt auf seiner Schlafliege und sieht blicklos aus dem Fenster der Baracke.<\/p>\n<p>Sven wei\u00df nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Der Truppenbetreuer, der gleichzeitig auch der Pfarrer ist, kommt zu ihm in die Baracke. Sven beachtet ihn nicht. Der Mann in seiner Uniform mit dem Zeichen des Kreuzes versucht ein Gespr\u00e4ch, aber Sven wendet sich ab und beginnt, seine Sachen zu packen. Er mag den Mann nicht. Einmal hat Sven sonntags in diesem provisorischen Gottesdienst gesessen. Am Tage zuvor hatte es Tote im Lager gegeben. Der Pfarrer war an diesem Tage nicht zu sehen. Am n\u00e4chsten Tag sprach er so schw\u00fclstig von ihrem Auftrag, den Menschen hier zu helfen, dass Sven angewidert den Gottesdienst verlie\u00df.<\/p>\n<p>Was soll das f\u00fcr eine Hilfe sein? Sie sitzen in ihren Fahrzeugen und erh\u00f6hen die Geschwindigkeit, wenn sie eine Ansammlung von M\u00e4nnern in ihren langen Kleidern am Stra\u00dfenrand sehen. Und die zerlumpten Kinder mit Gummib\u00e4rchen f\u00fcttern?<\/p>\n<p>Die Br\u00fccke, deren Bau sie \u00fcberwacht haben, ist noch l\u00e4ngst nicht fertig. Die Arbeiter sind eines Tages einfach verschwunden, samt Bagger.<\/p>\n<p>Der Pfarrer redet auf Sven ein. Erst nach einer Weile verstummt er. Einen Augenblick noch steht er unschl\u00fcssig herum, dann sagt er: \u201eWenn Sie m\u00f6chten, dann k\u00f6nnen Sie jederzeit zu mir kommen.\u201c Er wendet sich ab und schlie\u00dft die T\u00fcr hinter sich. Sven ist wieder allein. Er setzt sich auf seine Liege und sieht hinaus auf das Lager.<\/p>\n<p>Sven denkt an seinen Vater. Sie hatten Kontakt. Ja, sie haben sich gesehen. Sven fuhr nach Hause, wenn er in der Heimat war. Die Mutter freute sich immer. Sie schloss ihn in die Arme, lie\u00df ihn nicht mehr los. Besonders als er aus Afghanistan kam. \u201eJunge, was machst du blo\u00df. Warum ziehst du in den Krieg?\u201c<\/p>\n<p>Der Vater sprach nicht mit Sven, seitdem er sich nach Afghanistan gemeldet hatte. Er kam in den Flur, sah einen Augenblick zu, wie ihn die Mutter an die Brust dr\u00fcckte und ging dann, ehe sie Sven wieder von sich lie\u00df, wortlos durch die K\u00fcche hinaus in die Garage.<\/p>\n<p>Beim Essen schwieg der Vater. Die Mutter schaute ihn an, stie\u00df ihn auch mal mit dem Ellenbogen an, aber er sagte kein Wort. Er wich seinen Blicken nicht aus, wohl aber wich Sven den Blicken des Vaters aus. Und sp\u00fcrte, wie der ihn lange ansah. Als Sven hochschaute, war der Vater schon wieder mit dem Hackbraten besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Sven wollte eigentlich das ganze Wochenende bleiben.<\/p>\n<p>Am Abend kam der Vater wortlos vom Garten und ging in das Bad. Er wusch sich ausgiebig. Dann, nachdem er sich ein frisches Hemd geholt hatte, sank er, ohne Sven zu beachten, in den Sessel, nahm die Fernbedienung, schaltete die Tagesschau weg und suchte durch die Sender, bis er eine Tierdokumentation fand. Er schaute sie sich an, ohne auch nur einmal Sven anzusehen. Die Mutter stand an ihrem B\u00fcgelbrett, wie immer. Sie fragte den Vater, was er denn im Garten gemacht und ob er die Stauden schon eingesetzt habe. Der Vater brummte nur und antwortete auch auf eine n\u00e4chste Frage nicht. Sven h\u00e4tte gerne ein St\u00fcckchen vom Pokalspiel gesehen. Er wagte es aber nicht zu fragen. Irgendwann stand er auf.<\/p>\n<p>Er ging in das Zimmer, das mal sein Zimmer gewesen war und in dem sich nicht viel ver\u00e4nderte hatte. Kinderspielzeug stand in einer Kiste in der einen Ecke, ein Kinderbett unter dem Fenster. Die Schwester war manchmal zu Besuch. Sie brachte dann den Kleinen mit und der spielte und schlief hier oben.<\/p>\n<p>Sven packte seine Sachen und zog die Jacke \u00fcber. Es war sp\u00e4t. Er w\u00fcrde mit dem Taxi fahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Er ging hinunter in die Wohnstube. Die Mutter sa\u00df auf einer Kante des Sessels. Der Vater sah nach wie vor auf den Bildschirm. Die Mutter weinte, als Sven sich verabschiedete. Sie steckte ihm noch zwei Taschent\u00fccher, die sie gerade geb\u00fcgelt hatte, in die Reisetasche. Es waren eigentlich Vaters Taschent\u00fccher. Der Vater brummelte nur einen Gru\u00df, schaute aber hoch und seine Augen sahen furchtbar traurig aus. Sven sp\u00fcrte den Blick in seinem R\u00fccken, bis er zur T\u00fcr hinaus war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Augen, diesen Blick sieht Sven immer noch. Er h\u00e4tte dem Vater das gerne erkl\u00e4rt, das alles hier. Aber daf\u00fcr ist es jetzt zu sp\u00e4t. Sven packt seine Tasche zu Ende.<\/p>\n<p>Der Tag ist grau. Die Temperaturen sind knapp \u00fcber dem Gefrierpunkt. Sven fr\u00f6stelt. Er fliegt nach Hause. Die Kolonne wird in vier Stunden abfahren. Dann wird er hinten im Fahrzeug sitzen. Die Kameraden sind zum Dienst. Einer schaut rein, er holt sich die Kaffeetasse aus der Kiste. Seine wird wieder irgendwo verschwunden sein. Immer spielen sie ihm Streiche.<\/p>\n<p>Er ist \u00e4lter als alle anderen. Er hat die F\u00fcnfzig \u00fcberschritten. Wie alt er wirklich ist, hat er niemandem verraten. Auch warum er sich gemeldet hat, wei\u00df niemand so genau. Er h\u00e4tte einen Ruhigen schieben k\u00f6nnen auf seiner Stabsstelle in der Heimat und doch ist er hier.<\/p>\n<p>Sven geht hin\u00fcber in den Kantine. Um diese Zeit ist hier kaum jemand. Sven zapft sich einen frischen Kaffee aus dem Automaten und st\u00f6pselt sich die Kopfh\u00f6rer in die Ohren. Der Spie\u00df hat den Automaten einfliegen lassen. Solange die Stromversorgung funktioniert, gibt es Kaffee, danach wieder nur aus den Thermoskannen.<\/p>\n<p>Sven hockt sich in eine Ecke auf die Bank. Niemand spricht ihn an, er spricht niemanden an. Sven schaut mit leerem Blick in den kleinen Bildschirm, der an der Wand \u00fcber dem kleinen zugeh\u00e4ngten Fenster befestigt ist. Dreieinhalb Stunden Zeitverschiebung. Es flimmert das Nachmittagsprogramm. Irgendwelche Schw\u00e4tzereien. Der Ton ist leise gedreht und nur ab und zu dringt ein Sprachfetzen zu Sven durch. Die Anwesenden, ein Hauptmann und eine Uffzin der Sanis, ein Oberleutnant mit einem Bier in der Hand und zwei D\u00e4nen, schauen trotz ihrer Unterhaltung regelm\u00e4\u00dfig zum Schirm. Es sind Stimmen aus der Heimat. An anderen Tagen h\u00e4tte Sven auch mehr von der Heimat h\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Bank, auf der Sven sitzt, ist hart. Zwischen den Fingern zerkr\u00fcmelt er achtlos das Wei\u00dfbrot, das er sich zum Essen geholt hat. Er hat sich mit dem Vater nicht vers\u00f6hnen k\u00f6nnen. Der Blick schon immer und dann die Frage, ob er denn Bewerbungen geschrieben habe und wann er sich mal bei einer Firma zur Ausbildung vorstellen wolle. Der Vater hat es nicht begreifen wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven hat viele Bewerbungen geschrieben.<\/p>\n<p>Dann kam der Musterungsbescheid. Sven tr\u00f6stete sich damit, dass es nach der Dienstzeit schon klappen w\u00fcrde. Die Entscheidung zwischen Wehrdienst und Zivildienst traf er nicht. Die Kumpels sagten, wie \u00f6de es sei, den Omis die Bettpfannen zu leeren. Sein engster Kumpel verweigert auch. Der rutschte durch, hatte eine Stelle im Kindergarten. Hausmeister, nichts Aufregendes. Er w\u00fcrde seine Zeit rumkriegen und dann gut. Sven hatte keine Lust auf sowas. Er lie\u00df es einfach geschehen. Er wurde gemustert. Man fragte ihn, zu welcher Waffengattung er wolle und er zuckte mit der Schulter. Er w\u00e4re gern zu den Fliegern gegangen.<\/p>\n<p>Der Vater hatte auch bei der Fliegerei gedient. Er erz\u00e4hlte nicht viel. Wenn im Fernsehen Kriegsbilder kamen, schaltete er sie weg. Die Unteroffizierslitzen und die Medaillen lagen in einer Holzschachtel ganz unten im Schrank. Sven entdeckte sie einmal, als er dort kramte.<\/p>\n<p>Sven wurde eingezogen. Und dann war da nichts. Der Dienst forderte ihn nicht bis an die Grenzen, aber manchmal machte es Spa\u00df. Die Wochen gingen vor\u00fcber. Das beengte Wohnen in der Kaserne, laut, schmutzig. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Die Eltern halfen hier und da, aber sie hatten mit sich selbst zu tun. Er konnte nichts von ihnen fordern, wollte es auch nicht. So z\u00f6gerte er immer weiter.<\/p>\n<p>Die Zeit beim Bund ging dem Ende zu. Er wurde gefragt, ob er noch ein Jahr dranh\u00e4ngen wolle. Ausbildung zum Unteroffizier, Studienplatz nach Wunsch nach der Dienstzeit und einige andere verlockende Dinge. Er hatte nichts Besseres vor, also sagte er zu. Hier war alles geordnet. Die Arbeit interessierte ihn, auch wenn es oft langweilig war und er die M\u00e4nnerabende nicht mehr mochte. Die Ausbildung war eher \u00f6de und forderte ihn nicht besonders heraus. Dann wurde er gefragt, ob er f\u00fcr ein halbes Jahr in das Ausland gehen w\u00fcrde. Das Geschwafel \u2013 von wegen Kampfauftrag \u2013 interessierte ihn nicht, aber es w\u00fcrde mehr Geld geben und er w\u00fcrde etwas von der Welt sehen.<\/p>\n<p>Er wollte endlich raus. Er wollte etwas erleben. Gewissen, Krieg? So schlimm w\u00fcrde es nicht werden. Sein Job w\u00fcrde sich im Lager abspielen. Er war Bildaufkl\u00e4rer, er w\u00fcrde nicht drau\u00dfen rumlaufen und auf sich schie\u00dfen lassen m\u00fcssen. Er w\u00fcrde auch auf niemanden schie\u00dfen, sie waren ja da, um die Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen und beim Aufbau zu helfen. Sven hatte kein schlechtes Gef\u00fchl dabei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einmal, Sven kam das erste Mal aus Afghanistan zur\u00fcck, stellte ihn der Vater zur Rede. Er fragte: \u201eWarum gerade das?\u201c Sven verstand die Frage nicht. Der Vater fuhr fort: \u201eF\u00fcr diesen Staat in die Fremde, sich totschie\u00dfen lassen. Warum das? Alles, aber nicht das! Zur Armee gehen, zum Bund, wie man heute sagt, das ist noch zu ertragen, aber f\u00fcr diese Leute nach Afghanistan, wo man nichts zu suchen hat, das kann ich nicht verstehen.\u201c Zur Mutter sagte der Vater traurig: \u201eIch habe versagt. Wir haben ihm das Wichtigste nicht beibringen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Sven verteidigte sich nicht. Er stand stumm vor ihm. Er wollte nicht die S\u00e4tze wiederholen, wie sie in der Zeitung standen und wie sie sie immer wieder in der Ausbildung h\u00f6rten. Er hatte es inzwischen auch anders erlebt, dort im fremden Land. Mit dem, was er w\u00e4hrend der Ausbildungsstunden h\u00f6rte, hatte das nichts zu tun. Aber das konnte er dem Vater nicht erkl\u00e4ren, zumal es keine andere Erkl\u00e4rung gab.<\/p>\n<p>Sven verlie\u00df bald das Haus. Von da war keine Unterhaltung mehr mit dem Vater m\u00f6glich. Sie gingen stumm aneinander vorbei, wenn sie sich im Haus trafen.<\/p>\n<p>Nur selten besuchte Sven die Eltern. Er konnte dem Vater nicht sagen, warum er zum Bund gegangen war. Zu Afghanistan, da h\u00e4tte er sagen k\u00f6nnen: Wegen des Geldes. Aber eigentlich hatte er es nur geschehen lassen.<\/p>\n<p>Die Telefoniererei nach Hause wurde dann auch sp\u00e4rlicher. Eigentlich sprach er nur mit der Mutter. Die fragte nach Unterw\u00e4sche und ob es auch nicht zu kalt w\u00e4re in den Baracken. Sven hatte viel Aufregendes zu berichten. Er erz\u00e4hlte davon nicht viel, war sich nicht sicher, ob er vom Dienst erz\u00e4hlen durfte. Er wollte auch die Mutter nicht zus\u00e4tzlich mit seinen Geschichten belasten. Die h\u00f6rten sich aus der Ferne bestimmt viel schlimmer an, als sie hier bei ihm passierten. Schon \u00fcber das kalte Wasser machte sich die Mutter mehr Sorgen als n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Die Kumpels waren kaum noch zu erreichen und hatten andere Sorgen. Die meisten hatten eine Ausbildung im Westen angefangen. Sie berichteten von der Arbeit, von Freundinnen, von hemmungslosen N\u00e4chten und vom t\u00e4glichen Kampf auf den Stra\u00dfen auf dem Weg zur Arbeit. Das waren Dinge, da konnte Sven nur mit Andeutungen von seinem Dienst dagegenhalten. Die Kumpels wandten sich bald entt\u00e4uscht ab, weil er nicht in die Einzelheiten ging und immer nur das Gleiche von den zerlumpten Kindern und den vermummten Frauen auf der Stra\u00dfe erz\u00e4hlte. Ihre Gespr\u00e4che wurden k\u00fcrzer.<\/p>\n<p>Mit der Schwester hatte Sven manchmal l\u00e4ngere Gespr\u00e4che, aber die berichtete mehr \u00fcber ihren Spr\u00f6ssling, wie er sich so hervorragend entwickelte. Da fielen ihr stundenlang immer neue Einzelheiten ein.<\/p>\n<p>Mit dem Vater sprach er im letzten Jahr gar nicht mehr. Sie konnten das nicht geradebiegen. Sven h\u00e4tte auch die Gr\u00fcnde nicht nennen m\u00f6gen. Er fragte sich immer wieder selbst. Es gab gutes Geld. Er hatte einen Job. Er war anerkannt und bekam auch mal ein Lob von seinem Hauptmann. Ein halbes Jahr h\u00e4ngte er dran. Dann noch ein halbes Jahr in der Heimatkaserne und dann w\u00fcrde er anfangen zu studieren. Geologie, terrestrische Erkundung, das wollte er und er wusste es jetzt. Erderkundung, vielleicht mal sp\u00e4ter zur DLG und Satellitenfotos auswerten. Das w\u00e4re es. Das h\u00e4tte er dem Vater gesagt, wenn er endg\u00fcltig aus Afghanistan zur\u00fcck gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich kommen die GI\u2019s. Sie werden den Transport \u00fcbernehmen. L\u00e4rmend besetzen sie einen Tisch. Sie trinken Kaffee und schwatzen \u00fcber das Wetter und die deutschen Frauen, die so hart zu knacken seien wie Panzerglas. Ein Mann vom KSK kommt noch dazu. Er setzt sich gegen\u00fcber in eine Ecke, nippt an seiner Cola und wartet wie Sven auf das Startsignal. Die Waffe hat er gegen die Containerwand gelehnt. Es ist noch eine gute Stunde bis zum Abmarsch.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>R\u00fcckkehr <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er aus dem Flughafengeb\u00e4ude kommt, ist pl\u00f6tzlich Fr\u00fchling. Die Linden tragen frisches Gr\u00fcn. L\u00e4rmende, hastende, bunte Menschen. Vertraute Laute. Niemand k\u00fcmmert sich um ihn, niemand schaut ihn von unten, mit von den Wimpern halb verdeckten Augen an.<\/p>\n<p>Die Pforte steht offen. Die Krokusse im Vorgarten sind verbl\u00fcht. Die Gardinen in den Fenstern sind zugezogen. Die Haust\u00fcr ist verschlossen. Er sucht den Schl\u00fcssel in den Taschen. Klingeln m\u00f6chte er nicht. Er ist ja hier zu Hause. Es ist fr\u00fcher Morgen. Es ist so still, so friedlich. Die Ruhe m\u00f6chte er nicht zerst\u00f6ren. Der Sonnendunst liegt \u00fcber den Feldern. Die Wiesen geben die Feuchtigkeit an die Sonne ab. Es wird ein warmer, sonniger Tag werden.<\/p>\n<p>Im Flur ist es dunkel. Die Stubent\u00fcr ist angelehnt. Die Mutter findet er im Schlafzimmer. Sie hockt auf dem Bett. Ein paar Kleider liegen auf dem Fu\u00dfboden. Sachen vom Vater. Ihre Augen sind dick von Tr\u00e4nen. Das ganze Gesicht ist aufgequollen. Sie hat wohl versucht, die Sachen vom Vater auszusortieren. Als Sven eintritt, blickt sie hoch. Sie seufzt, aber sie erhebt sich nicht, so dass Sven unschl\u00fcssig ist, wie er sie begr\u00fc\u00dfen soll. Er m\u00f6chte sie umarmen, so wie er es immer getan hat, und er m\u00f6chte es jetzt mehr als sonst. Aber sie erhebt sich nicht.<\/p>\n<p>\u201eTach, Mutter\u201c, sagt er nur, dann steht er eine Weile unschl\u00fcssig in der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Er dreht um, stellt seine Tasche in sein ehemaliges Zimmer. Die Poster der Fu\u00dfball-WM h\u00e4ngen noch an der Wand. Der Schrank, in dem seine Sachen gelegen haben, steht noch am selben Fleck. Das Bett ist fein s\u00e4uberlich gemacht. So hat er das nie hinbekommen.<\/p>\n<p>Die Schwester hockt auf dem Boden und spielt mit dem Kleinen. Als sie ihn sieht, steht sie auf und umarmt ihn. Sie ist still, aber Sven ist \u00fcberrascht. Sie haben nie ein sehr inniges Verh\u00e4ltnis zueinander gehabt. Sie ist einige Jahre \u00e4lter als er und war schon aus dem Haus, als er die Schule abschloss.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren lebt sie allein. Gleich nachdem das Kind geboren war, bekam ihr Mann einen phantastischen Job angeboten und ging in die USA. Sie wollte nicht mitgehen. Sie hatte ihre Arbeit und w\u00fcnschte sich, dass das Kind in Deutschland aufw\u00e4chst. Sie wollte Sicherheit, zur Not mal die Oma in der N\u00e4he. In Amerika w\u00e4ren sie ganz auf sich gestellt gewesen.<\/p>\n<p>Ein paarmal kam ihr Mann zu Besuch, dann blieb er aus. Sie lebt mit dem Kind in der Stadt. Sie beklagt sich nicht. Sven war einige Male da und sie telefonierten miteinander. Immerhin konnte er sich mit ihr \u00fcber alles unterhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schwester erz\u00e4hlt. Sie ist sachlich. Die Tr\u00e4nen sind schon seit Tagen ausgetrocknet. Sie erz\u00e4hlt, wie sie von der Mutter angerufen worden sei, wie die Mutter stumm in der Stube gesessen habe und wie die Kriminalpolizei versucht habe, sie auszufragen. Aber sie hatte ja nichts gewusst. Es war ohne ihr Beisein geschehen. Die Mutter hatte den Vater gesucht und ihn schlie\u00dflich auf dem Dachboden gefunden. Er hing direkt vor der Treppe.<\/p>\n<p>Nein, die Schwester hatte auch keine Erkl\u00e4rung. Es w\u00e4ren nur noch drei Jahre bis zur Rente gewesen. Er hatte seine Arbeit und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad. Ja, er hatte den Unfall, musste ein, zwei Wochen zu Hause hocken, aber dann h\u00e4tte er wieder arbeiten k\u00f6nnen. Es ging ihm nicht so schlecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven geht im Haus umher. Er geht durch den Garten, schaut eine Weile auf das Feld hinter dem Haus und schlie\u00dflich landet er doch an der Treppe zum Dachboden.<\/p>\n<p>Auf der Treppe sind, wie sonst auch, die Schuhe abgestellt, immer ein Paar auf einer Stufe. Als kleiner Junge hat er im Winter hier gesessen und gespielt. Das schummrige Licht von oben, die Laute aus dem Haus. Er war abgeschirmt von der Welt und hatte doch eine T\u00fcr, die er jederzeit \u00f6ffnen konnte, wenn die Mutter zum Essen rief oder der Vater nach Hause kam.<\/p>\n<p>Das Haus hatten die Eltern bezogen, nachdem die alten Besitzer verstorben waren. Der Vater arbeitete als Buchhalter in der LPG und verdiente gutes Geld. Sie bauten das Haus nach und nach aus.<\/p>\n<p>Sie waren keine Bauern, sie hatten kein Land. Aber sie pflegten den Garten, hatten einige Reihen Kartoffeln und zeitweise auch immer mal ein paar Kaninchen in einem kleinen Stall hinter der angebauten Garage. Nach der Wende kauften sie das Haus, in dem sie viele Jahre zur Miete gelebt hatten. Der Vater musste den Buchhalterposten aufgeben. Die LPG gab es nicht mehr. Er fand dann Arbeit in der nahen Stadt. In einem Steuerb\u00fcro. Bald stieg er zum B\u00fcroleiter auf. Er hatte all die gro\u00dfen Klienten, kannte sich aus mit den Zahlen und war schnell im Lernen von neuen Dingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven steigt die Treppe hinauf. Auf dem Balken \u00fcber seinem Kopf ist ein Kreidestrich. Im Dunklen ist die Markierung kaum zu erkennen. Ansonsten deutet nichts auf das Vergangene hin. Zwei Schritte links von der Treppe steht die gro\u00dfe Truhe, dahinter ist ein B\u00fccherschrank mit blinden Glasscheiben. Sven setzt sich auf einen verstaubten Stuhl auf der anderen Seite der Treppe. Es ist still. Von drau\u00dfen dringen durch das Dach nur die Stimmen der V\u00f6gel herein. Erinnerungen wollen nicht kommen. Er ist einfach nur leer.<\/p>\n<p>Als er herunterkommt, hat die Schwester das Essen auf dem Tisch. Die Mutter sieht Sven jetzt und sie wirkt nicht mehr so abwesend. Sie erkundigt sich \u00fcber seine Heimreise und ob er jetzt bleiben w\u00fcrde. Sven antwortet nur z\u00f6gerlich.<\/p>\n<p>Die Schwester ist haupts\u00e4chlich mit dem Kleinen besch\u00e4ftigt. Sven fragt nach dem Unfall mit dem Fahrrad. Er bekommt von der Schwester einen vorwurfsvollen Blick, aber keine Antwort. Dabei hat er nur damit angefangen, um \u00fcberhaupt etwas zu sagen.<\/p>\n<p>Nach dem Essen geht die Mutter still hinaus in den Garten. Sven spielt f\u00fcr ein paar Minuten mit dem Kleinen. Aber er hat keine Ruhe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven streift durch die Felder. Er hat es immer getan.<\/p>\n<p>Manchmal war er mit Freunden zusammen, manchmal allein. Er baute einen Holzflieger aus dem Baukasten. Den Baukasten hatte er vom Vater zum Geburtstag bekommen. In der Garage richtete er sich aus einem alten Tisch eine Werkbank her, an der er s\u00e4gte und klebte. Endlich war das Flugzeug fertig. Er wollte es gleich probieren. Der Vater hatte versprochen mitzukommen, er wollte den ersten Start miterleben. Aber der Vater war nicht da, als er das Flugzeug flugfertig hatte. Sven wollte nicht warten, bis der Vater am Wochenende Zeit haben w\u00fcrde. Er zog los auf seinen H\u00fcgel und lie\u00df den Segler aus der Hand. Der flog geradeaus, b\u00e4umte sich pl\u00f6tzlich auf und verlor an Fahrt. Er st\u00fcrzte zur\u00fcck, bekam wieder genug Luft unter die Tragfl\u00e4chen, nahm erneut Fahrt auf und b\u00e4umte sich wieder auf. Der Boden war diesmal nahe und so fiel der Holzflieger beim Zur\u00fcckst\u00fcrzen in das tiefe Gras. Das Gras schw\u00e4chte die Wucht des Sturzes ab. Sven nahm eine Korrektur des Schwerpunktes vor, so wie er es in der Anleitung gelesen hatte. Er startete das Flugger\u00e4t noch einmal und dessen Neigung, sich aufzub\u00e4umen, war beim n\u00e4chsten Start nicht mehr so stark. Mit etwas Knete, die er vorsorglich eingesteckt hatte, verschob er den Schwerpunkt noch einmal und dann flog sein Flieger in einem sch\u00f6nen langen Gleitflug. Dem Vater berichtete er stolz seine Erfolge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven ist schon weit drau\u00dfen. Hinter dem n\u00e4chsten Grash\u00fcgel geht es hinunter in eine Senke, in der ein kleiner Bach flie\u00dft. Im Sommer f\u00fchrt er kaum Wasser, aber jetzt gurgelt er an der Grasnarbe vorbei \u00fcber die Steine und ein kleines Schiffchen w\u00fcrde bis in den breiteren Bach fahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sven setzt sich ins Gras und sieht dem Wasser zu. Er hat einige Tage Zeit.<\/p>\n<p>Erst am zweiten Tag, als er es nicht mehr aush\u00e4lt, diese Stille, dieses Herumstreichen, das einzige Lebendige im Haus ist der Kleine, der keine R\u00fccksicht zu nehmen braucht. Sven will sich Besch\u00e4ftigung suchen, aber es ist alles geregelt. Der Vater hat all die Dinge im Griff gehabt. Es ist keine Arbeit liegen geblieben.<\/p>\n<p>Da steigt Sven wieder auf den Dachboden. Hier oben ist alles d\u00fcster. Die kleinen Dachluken lassen nur wenig Licht herein. Die elektrische Beleuchtung besteht aus einer am Balken aufgeh\u00e4ngten Gl\u00fchbirne ohne Schirm. Sie ist verstaubt und verklebt und gibt kaum Licht.<\/p>\n<p>Sven sieht sich um. Alte St\u00fchle. Ein alter Kleiderschrank, der noch von der Gro\u00dfmutter stammt. Er war eines der ersten Einrichtungsgegenst\u00e4nde in diesem Haus, aber da konnte Sven noch nicht einmal laufen.<\/p>\n<p>Der Strich am Balken. Sven muss auf einmal schlucken, in den Augen entsteht ein Druck, die Tr\u00e4nen wollen heraus. Er unterdr\u00fcckt sie, er schluckt und nach einigen wenigen Augenblicken ist es vorbei. Der Klo\u00df im Hals bleibt, ebenso der Druck.<\/p>\n<p>Warum ist er hier hochgekommen? Er h\u00e4tte es sich sparen k\u00f6nnen. Der Vater ist tot. Es gibt hier nichts mehr. Es sind nur die Erinnerungen aus der Kindheit. Das Kinderfahrrad, das aus irgendeinem Grunde aufgehoben wurde und ein Globus aus der Schulzeit. Und der Schrank mit den B\u00fcchern. Hier hat er in den alten verstaubten B\u00e4nden gebl\u00e4ttert. Hat die S\u00fctterlinschrift lesen gelernt. Aber die Kindheit ist vorbei. Endg\u00fcltig vorbei.<\/p>\n<p>Er begreift es nicht. Warum hat sich der Vater erh\u00e4ngen sollen? Er hat noch zwei Jahre bis zur Rente gehabt. Das Haus ist abbezahlt. Es hat ihnen an nichts Wesentlichem gefehlt.<\/p>\n<p>Als er den Stuhl verschiebt, auf dem er sitzt, bemerkt er die Kreidestriche. Jeder Gegenstand hier oben, der im Bereich des Balkens ist, hat eine Markierung auf seinem Standort bekommen. Sven stellt den Stuhl wieder auf seinen Platz. Er will sich die Stelle ansehen, an der der Strick gehangen hat. Ihm f\u00e4llt auf, dass er dazu den Stuhl verr\u00fccken muss. Wenn sich jemand aufh\u00e4ngt, so h\u00e4tte er einen Stuhl genommen und ihn nach hinten umgesto\u00dfen. Hier ist gar kein Stuhl oder etwas anderes gewesen, auf das man h\u00e4tte klettern k\u00f6nnen, au\u00dfer diesem Stuhl hier eben und der steht zu weit weg von der Stelle.<\/p>\n<p>Sven geht wieder nach unten. Er liest den Bericht des Arztes: \u201eKeine Fremdeinwirkung erkenntlich.\u201c So steht es auch im Polizeibericht, den Sven schon fl\u00fcchtig gelesen hat. Trotzdem steht nichts in der N\u00e4he, auf das man h\u00e4tte steigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sven geht noch einmal auf den Dachboden. Es bleibt dabei. Und er bemerkt noch eine Stelle am senkrechten Balken. Hier ist ein St\u00fcck Holz in H\u00fcfth\u00f6he herausgebrochen. Es ist ziemlich frisch. Es kann auch jemand mit einem Gegenstand daran gekommen sein. Irgendjemand hat etwas die Treppe hochgetragen und ist damit am Balken nicht vorbeigekommen.<\/p>\n<p>Sven sucht eine Erkl\u00e4rung. Er braucht eine Erkl\u00e4rung. Schon der Gedanke, dass sich der Vater selbst aufgeh\u00e4ngt haben soll, will nicht in seinen Kopf. Wenn er die Gedanken, die er jetzt hat, bis zu Ende denkt, dann wird es f\u00fcr ihn noch unbegreiflicher. Er will den Gedanken, dass jemand nachgeholfen hat, in seinem Kopf nicht zulassen. Ja, dann braucht er nicht zu gr\u00fcbeln, warum der Vater dieses gemacht hat, aber dann steht er noch vor einem anderen R\u00e4tsel: Wer hat es gemacht? An den Gedanken, der Vater h\u00e4tte sich aufgeh\u00e4ngt, k\u00f6nnte man sich gew\u00f6hnen. Mit der Zeit w\u00fcrde es der Kopf akzeptieren, auch ohne die Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu kennen. Aber dass jemand nachgeholfen hat, das R\u00e4tsel sollte l\u00f6sbar sein. Es m\u00fcsste gel\u00f6st werden. Der Kopf w\u00fcrde vorher keine Ruhe geben.<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages geht Sven noch einmal auf den Dachboden. Er hat sich eine Taschenlampe mitgebracht und untersucht die Striche. Er versucht sich vorzustellen, wie es abgelaufen sein k\u00f6nnte, so oder so. Die aufkommenden Gedanken an den Vater verdr\u00e4ngt er. Er hat etwas zu tun. Das hilft. Er kann sachlich einer Sache nachgehen, so als ob er an seinem Kartentisch sitzt, die Ziele einzeichnet, die er auf den Luftbildern ausgemacht hat und nicht dar\u00fcber nachdenkt, was mit den Zielen dann geschieht, wenn die Kommandeure die Aufkl\u00e4rungsergebnisse in den H\u00e4nden halten und die Piloten losschicken oder die GI\u2019s.<\/p>\n<p>Zu einem Ergebnis kommt er nicht. Er kann die Gedanken nicht ganz verdr\u00e4ngen. Sie bleiben unbewusst in seinem Kopf. Beide Gedanken in seinem Kopf k\u00e4mpfen gegeneinander. Er m\u00f6chte gar nicht in eine Richtung denken, weder in Richtung Selbstmord noch daran, dass jemand nachgeholfen haben k\u00f6nnte. Auf beide Ergebnisse h\u00e4tte er keine Antwort, er h\u00e4tte keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr. Und eigentlich will er gar nicht dar\u00fcber nachdenken, er m\u00f6chte es nicht akzeptieren, den Vater nicht mehr zu sehen. Aber er ist sich sicher: Wenn niemand etwas verr\u00fcckt hat, dann hat jemand nachgeholfen.<\/p>\n<p>Er beschlie\u00dft, der Sache nachzugehen. Er f\u00e4hrt in die Kreisstadt. Hier ist die zust\u00e4ndige Polizeistation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven stellt sich vor. Er muss seinen Ausweis vorlegen. Dann klingelt das Telefon. Der Mann ist sofort vertieft in das Gespr\u00e4ch. Er macht sich Notizen und als er zu Sven aufblickt, \u00fcberlegt er eine Weile, sagt: \u201eJa, mache ich.\u201c Und winkt mit der freien Hand einen Kollegen herbei, der schon seit einer Weile interessiert her\u00fcberschaut. Er deutet auf Sven. Es soll \u201eMach mal weiter\u201c hei\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eDu bist der Sven?\u201c, fragt der Herangekommene.<\/p>\n<p>Sven nickt. Er steckt seinen Ausweis wieder ein.<\/p>\n<p>\u201eIch kannte deinen Vater. Mein Beileid.\u201c Der Polizist schaut forschend auf Sven.<\/p>\n<p>Der nickt nur. \u201eDa war dieser Fahrradunfall. Vor etwa zwei Wochen, glaube ich. Haben Sie irgendwas dar\u00fcber?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Unfall eben. Ganz normal. Eine B\u00fcrgerin rief an. Den Namen muss ich nachsehen. Sie hat deinen Vater gefunden. Er lag bewusstlos am Stra\u00dfenrand. Dann Rettungswagen, Krankenhaus. Wir haben den Unfall aufgenommen. Ich war im Krankenhaus.\u201c<\/p>\n<p>Der Polizist nimmt Sven an den Schultern und f\u00fchrt ihn an einen Tisch im hinteren Teil des Vorraums. Dann dr\u00fcckt er ihn auf einen Stuhl. \u201eEr ist angefahren worden. Konnte ja keiner ahnen, dass &#8230;\u201c, sagt der Mann, r\u00e4uspert sich und f\u00e4hrt dann fort: \u201eDas Auto fand man im Wald hinter dem Gutshaus. Es war verlassen. Geklaut. Nat\u00fcrlich. Keine Hinweise. Wann werden die schon mal gefunden? Selbst wenn sie irgendwo durch den Blitzer gefahren sind. Das ist hier geklaut worden. Professionell. Gar keine Frage. Das ist nicht irgendwie aufgebrochen worden. Fachm\u00e4nnisch sozusagen. Solche Leute klauen Autos und verschieben sie nach Russland. Muss wohl Zufall gewesen sein, das mit dem Unfall. Obwohl, kommt nicht oft vor, dass man von so einem Auto noch irgendeine Spur findet. Dieses wurde einfach stehen gelassen. Das mit dem Autoklau ist in der Gegend nicht so doll im Augenblick. Ist wohl weiter im Westen schlimmer. Da werden ganze Wagenladungen geklaut, direkt bei den Autoh\u00e4ndlern oder vom Gebrauchtwagenmarkt. Das hier war ein Einzelfall. Ein Junge hat\u2019s gefunden. Ist mit dem Fahrrad unterwegs gewesen.\u201c<\/p>\n<p>Der Redeschwall des Polizisten versiegt. Sven wartet noch. Aber es kommt nicht mehr. Er bedankt sich. Der Mann legt ihm die Hand auf die Schulter. \u201eIch kannte deinen Vater. Ich kannte ihn gut. Dass er sich &#8230;\u201c, er r\u00e4uspert sich, \u201e&#8230; so einfach &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Sven steht auf. \u201eJa\u201c, sagt er, \u201edeswegen bin ich eigentlich hier.\u201c Er hat einen Klo\u00df im Hals und r\u00e4uspert sich. \u201eGibt es eine Akte, gibt es einen Untersuchungsbericht \u00fcber den &#8230; den Selbstmord?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBei einem Selbstmord gibt es keine Untersuchung. Nicht bei uns. Die Kriminaltechniker vom Bezirk, die haben das, aber da komm ich nicht ran. Nur wenn es einen Prozess geben sollte. Und den w\u00fcrde es nur geben, wenn es kein Selbstmord gewesen w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Sven geht. Er ist nicht zufrieden. Er ist nicht weitergekommen. Ihn besch\u00e4ftigen immer noch die Gedanken: Vier Wochen h\u00e4tte der Vater Pause machen m\u00fcssen, dann h\u00e4tte er wieder arbeiten gehen k\u00f6nnen. Er h\u00e4tte noch zwei Jahre bis zur Rente gehabt. Es gibt einfach keinen ausreichenden Grund f\u00fcr solch eine Tat. F\u00fcr Sven unvorstellbar. Er hat den Vater anders gekannt. Depressiv bis zum Selbstmord? Nein, das ist sein Vater nicht gewesen.<\/p>\n<p>Trotzdem will Sven aufgeben. Es l\u00e4sst sich nicht nachweisen. Die Kriminaltechniker und die Kripo werden ihre Arbeit schon richtig gemacht haben. Vielleicht ist der Stuhl erst nachher verschoben worden und als die Kripo gekommen ist, haben sie es so vorgefunden, wie es jetzt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder zu Hause versucht er, die Schwester darauf anzusprechen.<\/p>\n<p>\u201eNein, ich m\u00f6chte es nicht wissen. Es \u00e4ndert nichts.\u201c Sie besch\u00e4ftigt sich mit der W\u00e4sche.<\/p>\n<p>\u201eAber was hast du denn f\u00fcr ein Bild von deinem Vater, wenn du ihm einen Selbstmord zutraust?\u201c<\/p>\n<p>Die Schwester antwortet nicht. Sie bricht ihre T\u00e4tigkeiten ab und verl\u00e4sst das Zimmer.<\/p>\n<p>Sven sieht den Schreibtisch des Vaters durch. Er wartet, bis er sich sicher sein kann, dass die Mutter oder die Schwester nicht zuf\u00e4llig dazukommen k\u00f6nnen, dann kramt er in allen Schubladen. Er will sich nicht verstecken, aber er will jetzt auch keine Fragen beantworten m\u00fcssen. Er ist sich nicht sicher, was er sucht. Er ist sich auch nicht sicher, was er finden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein paar Quittungen, Gru\u00dfkarten zum Geburtstag, Briefmarken \u2013 aus dem Briefkuvert gerissen. Eine alte Gewohnheit vom Vater. Da ist immer noch seine Briefmarkensammlung, in die er sich ein- oder zweimal im Jahr vertieft hat. Einen alten Kalender, in dem sich aber nichts Aufregendes findet au\u00dfer Arzttermine und Geburtstage. Einzelne Bilder von den Kindern, dem Enkel\u201a Steuerabrechnungen der letzten Jahre, fein s\u00e4uberlich abgeheftet.<\/p>\n<p>Der Schreibtisch bietet nichts Aufregendes. Sven geht noch einmal auf den Boden. Er m\u00f6chte kramen. Er m\u00f6chte einfach in den Erinnerungen kramen. Auch in denen vom Vater.<\/p>\n<p>In der Truhe, die Vater immer verschlossen gehalten hat, wird er etwas finden. Das altmodische Schloss hat er schnell ge\u00f6ffnet. Der Schl\u00fcssel ist in einer Ritze des Schrankes, dort, wo er ihn vor Jahren das erste Mal gefunden und wohin er ihn wieder zur\u00fcckgelegt hat, aber erst, nachdem er das passende Schloss ge\u00f6ffnet und die Truhe durchst\u00f6bert hatte.<\/p>\n<p>Etwas tiefer, unter einigen Fotoalben, findet er einen Umschlag. Es sind gro\u00dfformatige Fotos. Sie zeigen die Stellungen. Sven sieht die viereckigen H\u00e4user mit dem Innenhof, die langen Schatten der wenigen Menschen, die sich auf den Wegen bewegen. Wie er diese Bilder kennt. Als w\u00e4ren sie vorige Woche aufgenommen worden. Eine Kolonne. Deutlich ist aus dem Schatten herauszulesen, was die Menschen dort transportieren. Es sind Frauen mit K\u00f6rben und Wasserbeh\u00e4ltern. Die Bilder sind recht grobk\u00f6rnig, wahrscheinlich aus gro\u00dfer H\u00f6he aufgenommen. Einige l\u00e4ngliche Gegenst\u00e4nde. Panzerfaust oder Stinger-Raketen. Ein Maschinengewehr mit Lafette, verteilt auf zwei Eseln. In der Ecke unten der Vermerk \u201eStreng geheim\u201c auf Deutsch und auf Russisch. Und eine Nummer. So wie auch Sven die Zahlen auf die Aufkl\u00e4rungsfotos schreiben muss. Auf dem Film wird in Spiegelschrift geschrieben, dann sind sie auf dem Bild positiv zu lesen. Da, auch Koordinaten, ein Fahrzeug, amerikanisch. Der Vater war auch in Afghanistan. Allerdings auf der anderen Seite. Er war bei den Russen. Er hat nie davon erz\u00e4hlt. Sven hat die zerbombte Schule gesehen. Sie war von den Russen gebaut worden. Und war schon zerst\u00f6rt und ausgebrannt, als die Deutschen das Gebiet \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p>In der Truhe findet Sven nichts mehr, was ihn jetzt wirklich interessiert. Er wendet sich dem B\u00fccherschrank mit den blinden Scheiben zu. Der Schl\u00fcssel ist nicht verstaubt. Jemand hat den Schrank offen gehabt in den letzten Wochen. Vielleicht haben sich die Techniker von der Kripo daf\u00fcr interessiert.<\/p>\n<p>Hinter den dicken W\u00e4lzern, einer uralten Ausgabe von \u201eBrehms Tierleben\u201c und dem Konversationslexikon findet Sven einen Hefter, der hier nicht hergeh\u00f6rt. Er ist wesentlich neueren Datums.<\/p>\n<p>Er klappt ihn auf und legt ihn auf die Truhe. So kann er im tr\u00fcben Licht etwas lesen. Es sieht aus wie eine Steuerabrechnung aus dem vergangenen Jahr. Aber das ist es nicht. Er bl\u00e4ttert weiter. Kopien von Kontoausz\u00fcgen mit fremden Namen. Dazwischen Seiten mit aufgeklebten Zeitungsausschnitten. Eine Schlagzeile lautet: \u201eBetriebsaufl\u00f6sung nach Erhalt von F\u00f6rdermitteln.\u201c Der Artikel berichtet von einem Eigent\u00fcmer, der sich abgesetzt hat, als er die F\u00f6rdermittel zur\u00fcckzahlen sollte.<\/p>\n<p>Sven bl\u00e4ttert Seite f\u00fcr Seite durch. Dann liest er genauer. Die Notizen des Vaters sind zum Teil unleserlich im tr\u00fcben Licht. Sven versteht nicht alles. Einer aus der LPG hatte einen Antrag auf F\u00f6rdermittel an das Land gestellt. Die Schweinemast der LPG hatte einen guten Stand. Die Fachleute waren da gewesen, der Betrieb lief gut. Es h\u00e4tte nur etwas Geld gefehlt, die Anlage auszubauen und auf westlichen Standard zu bringen. Er bekam keine F\u00f6rdermittel, weil das Eigenkapital fehlte. Dann war da einer aus dem Westen und der bekam F\u00f6rdermittel. Allerdings auch einen Kredit von der \u00f6rtlichen Sparkasse.<\/p>\n<p>An der letzten Seite ist ein Zettel angeh\u00e4ngt: \u201eSubventionsmittelbetrug. An Wichert \u00fcbergeben.\u201c Es ist \u00a0des Vaters Handschrift.<\/p>\n<p>Sven bl\u00e4ttert noch einmal zur\u00fcck. Er versteht es noch nicht. Wieso Subventionsmittelbetrug? Da hat der aus dem Westen einen Kredit bekommen und der ehemalige Leiter der Schweinemast nicht. Das ist sch\u00e4big, aber so l\u00e4uft die Sache nun mal. Die Chefs in den Bankfilialen sind inzwischen ja auch fast alle aus dem Westen. Und \u00dcbung im Geldbeschaffen haben die auch mehr. Aber das w\u00e4re noch kein Betrug.<\/p>\n<p>Sven braucht mehr Licht. Er nimmt die Mappe mit nach unten.<\/p>\n<p>Er sitzt noch im Wohnzimmer, als die Schwester kommt. Sie schaltet den Fernseher ein und l\u00e4sst sich in den Sessel fallen. \u201eWas hast du denn da? Siehst du dir alte Schulhefter an?\u201c<\/p>\n<p>Sven hat die Story langsam begriffen. Der Wessi hat den Betrieb gekauft und ihn dann verwahrlosen lassen. Er hat die F\u00f6rdermittel eingestrichen und keinen Pfennig investiert. Er hat verkauft, was zu verkaufen war und ist mit F\u00f6rdermitteln und Erl\u00f6s nicht etwa verschwunden, sondern hat sich zum Baudezernenten der Stadt machen lassen.<\/p>\n<p>\u201eIch habe etwas gefunden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas hast du gefunden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVater hat hier eine Materialsammlung \u00fcber eine riesige Sauerei. Vielleicht ist das der Grund. Ich meine, warum er sterben musste.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe dir gesagt, du sollst es lassen. Selbst, wenn da was ist. Es macht ihn nicht wieder lebendig. Was machst du da? Er ist tot, das l\u00e4sst sich nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen.\u201c<\/p>\n<p>Sie wendet sich von ihm ab, aber er l\u00e4sst nicht locker: \u201eM\u00f6chtest du es nicht wissen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, ich m\u00f6chte es nicht wissen. Es \u00e4ndert nichts.\u201c Sie besch\u00e4ftigt sich mit der W\u00e4sche.<\/p>\n<p>\u201eAber was hast du denn f\u00fcr ein Bild von deinem Vater, wenn du ihm einen Selbstmord zutraust?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr hatte eben genug. Er hat immer gehadert mit den Verh\u00e4ltnissen. Er ist nicht damit zurechtgekommen. Er wollte immer, dass es so wird wie fr\u00fcher. Er hat sich nicht damit abgefunden.\u201c<\/p>\n<p>Sven starrt vor sich hin. \u201eAber so vielen geht es so, dir doch auch, und trotzdem lebst du weiter. Und die Mutter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir sind eben anders.\u201c Sie wendet sich ihm zu. \u201eDu, Br\u00fcderchen, du hast dich doch am wenigsten daf\u00fcr interessiert, was vorher war, du hast es doch gar nicht erlebt. Du bist zur Fahne gegangen, zum Bund, und hast dich einen Schei\u00dfdreck darum geschert, ob du Vaters Gef\u00fchle verletzt. Er hatte gehofft, du w\u00fcrdest einen ordentlichen Beruf erlernen. Sie haben hier zusammengekratzt, damit du studieren kannst und du bist freiwillig nach Dingsda gegangen. Das hat er nicht vertragen. Er hat gelitten. Sie haben die Briefe gelesen und sie haben gelitten.\u201c Sie macht eine Pause. \u201eAlso denk mal dar\u00fcber nach. Aber was auch immer du herausfinden willst, lass es ruhen. Du kommst nicht dagegen an. Sie h\u00e4tten es untersuchen k\u00f6nnen, aber sie haben es nicht untersucht. Es k\u00fcmmert sie nicht. Also lass es. Das ist so schwer genug.\u201c<\/p>\n<p>Sven ist aufgestanden. Jetzt ist ihm zum Heulen zumute. Aber das m\u00f6chte er der Schwester nicht zeigen. \u201eIch werde nachforschen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMach, was du willst, aber lass deine Mutter und auch mich damit in Ruhe. Sie braucht Ruhe, bis sie es verkraftet hat \u2013 wenn sie es \u00fcberhaupt verkraften kann. Und ich muss mich um den Kleinen k\u00fcmmern. Ich muss arbeiten und mich um den Kleinen k\u00fcmmern. Das ist alles, was wir schaffen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rechtsanwalt Wichert<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist nicht eine der gro\u00dfen Kanzleien. Ein unscheinbares Schild am Hauseingang. Das Haus sieht etwas vernachl\u00e4ssigt aus, hier inmitten der neuen w\u00e4rmeged\u00e4mmten Fassaden mit den schmucken neuen eichenen Eingangst\u00fcren. Es ist immer noch erste Wohngegend in der kleinen Stadt. Die neuen Honorit\u00e4ten sind hinausgezogen vor die Stadt. Sie haben sich dort kleine Villen hingebaut. Die Alteingesessenen und die, die es sich leisten k\u00f6nnen, haben hier, gleich am Marktplatz, ihr Stadthaus. Die Gassen rund um den Mittelpunkt des St\u00e4dtchens sind gleich nach der Wende neu gepflastert worden.<\/p>\n<p>Sven klingelt. Der Summer ert\u00f6nt und nach leichtem Druck springt die Eingangst\u00fcr auf. Der dunkle, aber edel get\u00e4felte Hausflur, die halbe Treppe hoch, dann steht er im Vorzimmer. Eine nicht mehr junge Frau legt die Sch\u00fcrze ab, die sie eben noch umgebunden hatte. Sven steht etwas unschl\u00fcssig im Zimmer. \u201eJa, es geht auf Mittag zu und der Herr Rechtsanwalt besteht auf sein gutes Essen.\u201c Ein leichter norddeutscher Zungenschlag.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt Sven breit an. \u201eSie wollen zum Doktor Wichert, nehme ich an? Wen darf ich anmelden?\u201c Sven nennt seinen Namen. Die Frau verschwindet hinter einer T\u00fcr, ist aber gleich zur\u00fcck. \u201eKommen Sie, junger Mann! \u2013 Kaffee?\u201c Sie weist auf die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Der Mann sitzt breit und besch\u00e4ftigt hinter seinem eichenen Schreibtisch. Er schaut kurz \u00fcber den Brillenrand, brummt und deutet mit der freien Hand auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Ein dunkler tiefer Stuhl mit ledernem R\u00fcckenpolster, die Sitzfl\u00e4che aus dickem Schweinsleder ist dunkel und auch schon ein wenig abgeschabt. Schreibtisch und Stuhl nehmen fast den halben Raum ein.<\/p>\n<p>Der dunkle Eindruck des Zimmers, durch dessen einziges kleines Fenster nur wenig Licht von der Gasse her hereinf\u00e4llt, wird durch die dunkle Eichenm\u00f6blierung verst\u00e4rkt. Schr\u00e4nke voller B\u00fccher hinter den Glasscheiben der T\u00fcren f\u00fcllen die eine Seite des Zimmers aus.<\/p>\n<p>\u201eViel zu tun. Wie kann ich helfen?\u201c Der Mann w\u00e4lzt sich aus seinem Sessel hoch. \u201eEntschuldigen Sie, guten Tag, ist Ihnen Kaffee angeboten worden?\u201c Der Rechtsanwalt streckt ihm die fleischige Hand entgegen.<\/p>\n<p>Sven schnellt aus seinem Sessel hoch. Er ist rot geworden. Er dr\u00fcckt die Hand.<\/p>\n<p>\u201eOder m\u00f6chten Sie lieber einen Hartgebrannten?\u201c Sven wehrt \u00fcberrascht ab. Der Rechtsanwalt l\u00e4sst sich zufrieden auf den Sitz zur\u00fccksinken. Seine H\u00e4nde hat er dabei flach auf die Schreibfl\u00e4che gelegt. Er schaut auf die Wanduhr. \u201eAber es ist wohl noch ein bisschen fr\u00fch. Was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoktor Wichert\u201c, beginnt Sven, \u201eich habe hier eine Materialsammlung. Ich verstehe nicht viel, aber es muss einen ungeheuren Skandal geben. Mein Vater hat da was gesammelt. Ich fand Ihren Namen.\u201c Sven beugt sich hinunter, um den Hefter aus seiner Tasche zu nehmen.<\/p>\n<p>\u201eHalt, junger Mann.\u201c<\/p>\n<p>Sven h\u00e4lt inne.<\/p>\n<p>\u201eWas, ganz konkret, m\u00f6chten Sie von mir?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie sollen das lesen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn ich etwas lese, dann habe ich einen Fall.\u201c<\/p>\n<p>Sven schaut ratlos.<\/p>\n<p>\u201eSie haben angedeutet, dass es sich sehr wahrscheinlich um brisantes Material handelt. Sie m\u00f6chten, dass ich das lese. Was soll dann passieren? Soll jemand angeklagt werden? Wollen Sie einen Prozess f\u00fchren?\u201c<\/p>\n<p>Sven hebt hilflos die Arme. Er hat noch keine Antwort. Er wollte doch nur wissen, was da steht und warum der Vater das alles gesammelt hat. Das sagt er dem Rechtsanwalt.<\/p>\n<p>Wichert legt die Unterarme auf den Tisch, lehnt sich nach vorne und faltet die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen Folgendes machen.\u201c Er r\u00e4uspert sich. \u201eIch lese die Dokumente. Sie unterschreiben eine Erkl\u00e4rung, das k\u00f6nnen Sie im Vorzimmer tun. Mir entstehen keine Verpflichtungen daraus. Wenn ich merke, dass es nichts ist, was mich interessieren k\u00f6nnte, dann holen Sie den Kram wieder ab und ich habe es nicht gekannt.\u201c Eine Pause. \u201eIch mache das nur, weil ich Ihren Vater gekannt habe. Ich habe ihn gut gekannt. Mein Beileid, Junge.\u201c Wieder eine Pause. Der Rechtsanwalt kramt f\u00fcr einen Augenblick auf seinem Tisch. Dann zieht er den Schub auf seiner Seite ein wenig auf und schiebt ihn sofort wieder zu. \u201eSie lassen einen Vorschuss von f\u00fcnfhundert Euro im Vorzimmer. Sie k\u00f6nnen den im Laufe des Tages vorbeibringen, wenn Sie nicht so viel dabei haben. Eine Quittung bekommen Sie, wenn ich den Fall, wenn es denn ein Fall wird, annehme. Wenn Sie mit diesen Bedingungen einverstanden sind, legen Sie das Material im Vorzimmer ab. \u2013 Guten Tag.\u201c<\/p>\n<p>Sven will etwas sagen. Eine Handbewegung des Rechtsanwaltes schneidet ihm das Wort ab, bevor es Gelegenheit hat, seinen Mund zu verlassen. Der Mann stemmt sich aus dem Sessel hoch und reicht die Hand zum Gru\u00df \u00fcber den Tisch.<\/p>\n<p>Sven bleibt nichts weiter \u00fcbrig als ebenfalls aufzustehen und die Abschiedshand zu dr\u00fccken. Beim Hinausgehen sp\u00fcrt er den Blick des Mannes in seinem R\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Sekret\u00e4rin legt ein vorbereitetes Blatt mit der Aufschrift \u201eIm Falle der \u00dcbernahme des Mandats &#8230;\u201c vor sich auf den Tisch.<\/p>\n<p>\u201eHier unterschreiben, bitte\u201c, sagt sie. Das breite Gesicht schaut ihn freundlich an. \u201eMachen Sie sich keine Gedanken, er ist immer so.\u201c Sie zeigt auf die Stelle, wo Sven unterschreiben soll. \u201eDaf\u00fcr nimmt er es aber auch ziemlich genau\u201c, erg\u00e4nzt sie.<\/p>\n<p>Sven beugt sich \u00fcber das Blatt und unterschreibt. \u201eDie f\u00fcnfhundert &#8230;\u201c, beginnt er, aber die Frau nimmt ihm das Blatt weg. \u201eMachen Sie sich deswegen keine Sorgen. Bringen Sie es im Laufe der Woche vorbei.\u201c Sie sieht auf die Unterschrift. \u201eSie k\u00f6nnen auch in Raten zahlen.\u201c<\/p>\n<p>Sven legt seine Mappe ab. Es ist entschieden. Die Frau hat ihm die Entscheidung abgenommen. Bei dem dicken Mann da drinnen ist Sven unschl\u00fcssig gewesen, aber die Frau hat ihm einfach die Entscheidung abgenommen. Sie hat zum Rechtsanwalt Vertrauen und auch zu Sven.<\/p>\n<p>\u201eEr meldet sich\u201c, sagt sie. \u201eSchreiben Sie eine Telefonnummer auf den Zettel.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann ist Sven wieder drau\u00dfen. Er atmet die Luft tief ein. Das Haus hat etwas Bedr\u00fcckendes gehabt. Einzig die Freundlichkeit der Frau hat die Dunkelheit etwas aufgehellt und ihm ist jetzt, nachdem er die Schriftst\u00fccke jemandem anvertraut hat, etwas wohler.<\/p>\n<p>Er fragt die Schwester, ob sie ihm zweihundert Euro borgen kann. Sie sieht ihn sekundenlang wie einen geistig Verwirrten an. Dann holt sie ihr Portemonnaie. Sie gibt ihm f\u00fcnfzig Euro. Von der Bank holt er zweihundert Euro, die tr\u00e4gt er in das Vorzimmer des Anwalts. Er bekommt eine Quittung, aber keine Auskunft.<\/p>\n<p>Als die Schwester ihn am Schreibtisch des Vaters findet, wie er gerade alte Fotos durchsieht, sagt sie zu ihm: \u201eLass es ruhen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven bricht sofort auf, als das Telefongespr\u00e4ch beendet ist. Doktor Wichert kommt ihm diesmal bis zur T\u00fcr entgegen, nachdem er angemeldet worden ist. Sven sitzt wieder auf dem ledernen Stuhl.<\/p>\n<p>\u201eWas Sie hier haben, reicht f\u00fcr eine fast l\u00fcckenlose Beweisf\u00fchrung\u201c, beginnt der Rechtsanwalt. \u201eIst aber gef\u00e4hrlich. Sie fassen damit einigen Leuten, die noch im Amt sind &#8230;, na ja, die werden nicht gerade begeistert sein.\u201c Der Mann blickt Sven aufmerksam an, wartet wahrscheinlich auf eine Antwort. Bevor er weiterspricht, schiebt er sich ein wenig im Sessel zurecht. \u201eSie nehmen an, dass es mit dem Tod Ihres Vaters zu tun hat?\u201c<\/p>\n<p>Sven nickt, zieht dann aber die Schultern unschl\u00fcssig hoch.<\/p>\n<p>\u201eDas l\u00e4sst sich leider hiermit nicht beweisen. \u2013 Er l\u00e4sst sich auch nicht mehr lebendig machen, Ihr Vater. Die Untersuchung zu seinem Tode ist abgeschlossen. Da habe ich mich erkundigt. Wenn Sie einen Rat von mir wollen: Stellen Sie die Hinterleute an den Pranger. Ich kann Ihnen dabei helfen. Das schadet denen. Bis zum Verlust aller \u00c4mter. Den eventuellen M\u00f6rder zu suchen und dann auch noch zu beweisen, das wird bei allem Vertrauen\u201c, er macht eine Pause, \u201ezur hiesigen Polizei und Justiz wenig Sinn machen.\u201c<\/p>\n<p>Der Rechtsanwalt schiebt die Akte auf dem Tisch ein wenig zu Sven hin.<\/p>\n<p>\u201eUnd was kann ich jetzt machen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBringen Sie es an die \u00d6ffentlichkeit. Ein Schreiberling wird sich finden, der daraus eine blutige Story macht. Die Beweismittel sind hier, also kann die Story rechtlich abgesichert werden. Es wird eine Anklage von Amts wegen geben, wenn die Story kommt. Mehr k\u00f6nnen Sie nicht erwarten und tun.\u201c<\/p>\n<p>Doktor Wichert schiebt die Mappe jetzt ganz zu Sven hin. \u201eSuchen Sie sich eine Zeitung, ziehen Sie die Leute in den Schmutz, dahin, wo sie sowieso sind. Ich kenne da auch den einen oder anderen. Ich werde hier und da ein Wort fallen lassen.\u201c Der Rechtsanwalt verzieht das Gesicht nur ganz leicht zu einem Schmunzeln. \u201eSollte es zu rechtlichen Angriffen gegen die gesammelten Materialien kommen, dann werde ich Sie vertreten. Mehr kann ich jetzt nicht tun. Sie m\u00fcssen etwas tun.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Baumann<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Baumann. Sven hat ihn nie gemocht. In der Schule war er immer der Liebling der Lehrer. Er sa\u00df in der ersten Reihe, manchmal hatte man den Eindruck, die Sitzreihen dahinter w\u00fcrden den Lehrer gar nicht interessieren. Sven war das recht. Er konnte sich mit seinem Kram besch\u00e4ftigen. Baumann war der Erste, der mit dem Auto vor die Schule fuhr. Kaum war der achtzehn, hatte er in Rekordzeit seine Fahrschule hinter sich und besa\u00df ein Auto. So eine kleines, aber neu gekauftes. Die Oma hatte es ihm geschenkt. Vorschuss auf bestandenes Abitur. Er musste nur zweihundert Meter zur Schule laufen. Aber er fuhr mit dem Auto vor. Ein Auto war f\u00fcr Sven in dieser Zeit unerreichbar. Sven arbeitete in den Ferien aushilfsweise im Supermarkt. Die Mutter kannte die Leiterin. Er musste arbeiten, um seine Handykosten zu bezahlen.<\/p>\n<p>Das Auto h\u00e4tte Sven nicht gest\u00f6rt, aber dass die M\u00e4dchen sofort bei Baumann im Auto sa\u00dfen, das nahm er ihm \u00fcbel. Dieser Baumann, so ein schmaler Kerl, der beim Fu\u00dfball h\u00f6chstens mal umgerannt wurde, aber nie an den Ball kam. Der hatte pl\u00f6tzlich die Girls. Das nahm ihm Sven \u00fcbel.<\/p>\n<p>Nach dem Abitur verloren sie sich schnell aus den Augen. Einmal war noch Einj\u00e4hrigen-Feier, weil sie das Abi geschafft hatten. Sven wusste nicht, was Baumann nach dem Abi machte. Nur als er dann einmal den Namen unter einem kleinen Artikel in der Regionalzeitung las, da staunte er. Baumann war Redakteur an der Regionalzeitung.<\/p>\n<p>Und genau so etwas braucht Sven jetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven betritt das Geb\u00e4ude. Im unteren Stockwerk ist ein Verkaufsraum. An den W\u00e4nden h\u00e4ngt \u00fcberall Werbung, Zeitungen stehen in einem St\u00e4nder. Eine Frau sitzt hinter einem Schreibtisch aus Glas. Nicht mehr ganz jung, mit ausladenenden H\u00fcften. Sie spricht ihn auf seine W\u00fcnsche an. Sven erkundigt sich nach Herrn Baumann. Die Frau greift zum Telefon. Schon nach kurzer Zeit geht die T\u00fcr auf. Norman Baumann steht vor ihm. Schlips, graues Jackett, schwarze Hose. Ganz der Mann von Welt. Sven kommt sich mit einem Mal sch\u00e4big vor in seiner abgewetzten Jeansjacke und den Cargohosen.<\/p>\n<p>Baumann streckt ihm die Hand entgegen. Er grinst \u00fcber das ganze Gesicht. Sie halten sich nicht mit Vorgespr\u00e4chen auf. Baumann nimmt ihn mit hoch in sein B\u00fcro. \u201eIch bin stellvertretender Filialleiter. Hat nur zwei Jahre gedauert.\u201c Baumann bittet ihn mit einer ausladenden Geste, sich in den Sessel am Clubtisch zu setzen. \u201eWas kann ich f\u00fcr dich tun?\u201c<\/p>\n<p>Sven klappt die Tasche auf. Er hat Kopien gemacht. Sie f\u00fcllen zwei Hefter. \u201eHier ist was zu lesen. Ist, glaube ich, gut f\u00fcr eine Titelseite.\u201c<\/p>\n<p>Baumann ist \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Sie unterhalten sich noch \u00fcber das eine und andere. Baumann fragt, Sven antwortet. Baumann spricht ihm das Beileid aus, Sven dankt. Baumann will mehr wissen \u00fcber Afghanistan. \u201eVielleicht mal ein Bericht f\u00fcr die Zeitung, damit die Leute wissen, wie es wirklich ist, Bericht von der Front sozusagen &#8230;\u201c Er lacht \u00fcber den Witz. \u201eOder darfst du nichts erz\u00e4hlen, ist ja wohl sehr geheim?\u201c<\/p>\n<p>Sven sagt zu.<\/p>\n<p>Nach dem Material fragt Baumann nicht, aber er verspricht, es zu lesen und sich sehr schnell zu melden. Sven verspricht ein Interview \u00fcber Afghanistan beim n\u00e4chsten Treffen.<\/p>\n<p>Sven wartet auf den Anruf. Er steht morgens auf. W\u00e4scht sich, trinkt einen Kaffee und geht hinaus in die Wiesen. Das Wetter ist ruhig, wenn auch nicht besonders warm. Er sitzt einige Zeit am Bach. L\u00e4sst Schiffchen fahren und wandert dann wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schluss<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein BMW steht vor dem Gartenzaun. Die Mutter ist in der K\u00fcche. Baumann sitzt im Wohnzimmer. Er bl\u00e4ttert in einem Buch, hat einen Kaffee vor sich. Die Mutter hat ihm wohl einen gebracht.<\/p>\n<p>Sven erz\u00e4hlt von Afghanistan. Vom Camp und den verschiedenen Nationen, von der Fahrt durch Kabul und den bettelnden Kindern, denen sie Bonbons zugeworfen haben. Baumann schreibt in seinen Notizblock. Er ist begeistert. Er will von der humanistischen Hilfe h\u00f6ren und Sven erz\u00e4hlt von der Br\u00fccke. Auch von dem Angriff auf ihr Fahrzeug muss Sven noch erz\u00e4hlen, dann ist der Notizblock voll und Baumann lehnt sich zufrieden zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sven fragt nach der Materialsammlung, die er Baumann gegeben hat.<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6r zu, Sven, wir sind eine Regionalzeitung. Wir k\u00f6nnten auf der vierten Seite eine Reportage \u00fcber Afghanistan bringen. F\u00fcr Enth\u00fcllungsstorys sind wir jedoch nicht zust\u00e4ndig. Das macht die Bild oder Superillu. Tut mir leid. Ich hab\u2019s aber dem Chefredakteur gegeben.\u201c<\/p>\n<p>Sven bringt Baumann bis zum Gartentor. Pl\u00f6tzlich w\u00fcnscht er sich zur\u00fcck in das Camp, in die Langeweile, in den Container mit den Bildschirmen, nichts um sich herum als die Bilder auf dem Auswertetisch, die er sich ansehen und aus denen er einen Bericht machen muss. Er vertreibt sich die Tage mit Wanderungen. Das Wetter ist schlechter geworden. Wenn er durchgeweicht von drau\u00dfen kommt, dann l\u00e4sst er die nassen Sachen in der Garage und nimmt sich, in eine Decke geh\u00fcllt, ein Buch aus dem Regal. Wie fr\u00fcher sitzt er unter dem Fenster auf dem Boden, bis das Tageslicht zu schwach wird zum Lesen.<\/p>\n<p>Sein Urlaub ist zu Ende. Er sucht die Zeugnisse zusammen und hat auch schon eine Bewerbung geschrieben. Am n\u00e4chsten Morgen wird er in die Kaserne zur\u00fcckfahren. Er geht noch einmal hinaus. W\u00e4hrend er \u00fcber die Wiese geht zu der Stelle, an der er das erste Mal mit dem Vater ein Schiffchen den Bach hinunter gestartet hat, horcht er in sich hinein. Es ist ihm egal. Es sind keine Gef\u00fchle da. Als er zur\u00fcckkommt, ruft ihn die Mutter. Sie k\u00fcmmert sich wieder um ihren Haushalt und hat ihm Sachen zurechtgelegt. \u201eEin Herr Baumann hat angerufen.\u201c<\/p>\n<p>Sven z\u00f6gert, aber er ruft dann doch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eIch habe mit dem Chefredakteur gesprochen. Wir werden das bringen. Im Vertrauen, der Chef kennt den Mann. Hat ihn wohl pers\u00f6nlich angepisst. Ermittlungen wegen Betruges laufen. Wir brauchen eine Story, du hast Gl\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Sven will etwas fragen, aber Baumann redet weiter.<\/p>\n<p>\u201eKann ich das Material so verwenden? Muss nat\u00fcrlich noch mal gr\u00fcndlich recherchiert werden. Hab\u2019s als meines ausgegeben. Hast wohl nichts dagegen.\u201c<\/p>\n<p>Sven will Baumann noch sagen, dass er die Afghanistan-Artikel nicht gut findet, weil sich alles so heroisch anh\u00f6rt. Aber Baumann hat schon aufgelegt. Die Wahrheit \u00fcber den Krieg hat er bringen wollen, aber stattdessen hat er geschrieben, wie heroisch das alles ist und wie Deutschland den Leuten dort hilft. Svens Erz\u00e4hlung hat er einfach so umgedeutet, wie es am besten in sein Blatt passt. Und wahrscheinlich, wie es dem Chefredakteur am besten gefallen hat. Und Sven hat keine Chance gehabt, das noch zu \u00e4ndern. Selbst ein Protest bei Baumann w\u00fcrde nicht mehr helfen. Sven kommt sich verraten vor und hilflos. \u201eDa kann man sich nur aufh\u00e4ngen\u201c, denkt er und erschrickt heftig.<\/p>\n<p>Sven ist dabei, seine Sachen zu packen. Die vierzehn Tage seines Urlaubs sind um. Er wird in die Kaserne zur\u00fcckkehren. Nicht f\u00fcr lange.<\/p>\n<p>(c) Detlef Raupach<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a name=\"_Toc300635331\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sammlung &nbsp; Eine Kriminalnovelle \u00a0 Im fremden Land &nbsp; Die Tage verlaufen einer wie der andere. Morgens diese elende K\u00e4lte, die hier so trocken ist, dass die Haut bei der ersten Ber\u00fchrung mit dem Wasser knistert. Wenn Sven zur Fr\u00fchschicht muss, dann kommt nichts aus dem Hahn. 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